Diese Geschichte beginnt so, wie kaum eine gute Geschichte beginnen sollte - mit einem Haufen Kot unbekannten Ursprungs vor meiner Tür.
Wobei Tür vielleicht ein großes Wort ist. Ich war zu jener Zeit in den Wäldern Norwegens unterwegs und schlief in einem Zelt. Ob das die Situation besser oder schlechter macht, kann im Nachgang jeder für sich selbst entscheiden.
Ich war von Oslo aus aufgebrochen um den Olavsweg zu beschreiten, ein alter Pilgerweg, der von Oslo im Süden bis nach Trondheim im Norden führt. Zur Zeit meines morgendlichen Fundes war ich knapp zwei Tage unterwegs und befand mich somit mitten in den Wäldern Südnorwegens. Während sie im großen und ganzen den Wäldern Deutschlands ähnelten, gab es doch merkliche Unterschiede zu den mir bekannten Wäldern. Meine Reise an diesem Tag führte mich durch einen bunt gefärbten Mischwald mit Haseln, Grau-Erlen und flechtenbewachsenen Fichten. Unter ihren Ästen stritten sich scharfe Steine und spitze Wurzeln um die Vorherrschaft über den Weg. Eine stete Mahnung zu Geduld und Aufmerksamkeit, die bei Missachtung den nachlässigen Wanderer gerne stolpern oder in die strömenden Bäche rutschen ließen, die den Pfad an diesem Tag charakterisierten.
Da die Wälder dort längst nicht so intensiv bewirtschaftet werden wie in Deutschland, waren die Wälder insgesamt dichter, dunkler und weniger gut erschlossen. Auch war die Höhe der Bäume geringer als in vergleichbaren deutschen Wäldern, was das Gefühl der Dichte des Waldes noch einmal verstärkte. Diese Mischung aus vertrauten Baumarten in einer freieren, ungezähmteren Form faszinierte mich den gesamten Tag. So kam es, dass diese Wälder, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nicht weit von der nächsten Siedlung entfernt war, durch die bewachsenen, dicht gedrängten Bäume und das grünliche Zwielicht unter ihren Kronen etwas Wildes hatten.
Als ich nun also morgens nach einer regnerischen Nacht aus meinem klatschnassen Zelt stieg und einen Haufen von ernstzunehmender Größe kaum zwei Meter vor dem Eingang meines Zeltes liegen sah, war ich hellwach und die unbequeme Nacht war schnell vergessen.
Nach dem obligatorischen Rundblick, ob der Bär, von dem der Haufen sicher stammen musste, vielleicht schon direkt hinter mir lauerte, atmete ich erstmal durch. Meine Gedanken rasten und sofort hörte ich die Stimme meiner Freundin, die mich vor der Reise fragte, ob ich keine Angst vor Bären hätte und dass sie letztens gelesen hatte, dass einige Bären aus Schweden nach Norwegen gewandert waren.
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich dieses Szenario sofort rational ausschließen konnte. Nach einer gefühlten Ewigkeit, während der ich starr da stand und meinen Blick zwischen Haufen und Waldrand schweifen ließ auf der Suche nach Hinweisen oder Bewegungen im Unterholz, meldete sich doch irgendwann ein rationaler Teil meines Verstandes. Es konnte hier keine Bären geben. Ich war mir zu mindestens 65 Prozent sicher. Diese nahezu absolute Gewissheit führte aber schnell zu der Frage, welches Tier mir sonst vor das Zelt gemacht hatte. So oder so würde sich meine Situation nicht vom Herumstehen klären. Ich klatschte laut in die Hände, teils um meinen potentiellen Gast zu warnen und teils um mich aus meiner Starre zu lösen.
Mit vorsichtigen Schritten ging ich näher an den Haufen und unterzog ihn einer mehr oder weniger qualifizierten Examination. Fazit dieser Untersuchung: Es war ein verdammt ernstzunehmender Haufen Tierscheiße. Mit mäßiger Hoffnung machte ich mich auf die Suche nach Spuren, aber im hohen Gras, das sich bald im dichten Unterholz verlor, fand ich auch damit keine Anhaltspunkte. Es blieb mir also nur eine Wahl - Google wurde gefragt. Das einzig gute an meiner Einsamkeit mitten im norwegischen Wald war wohl, dass mir bei dem folgenden Suchverlauf niemand über die Schulter schauen konnte. Schließlich fand ich eine kanadische Website, die die Losung von Braunbären eindrücklich beschrieb. Von neuem Mut erfüllt begann ich zu lesen und stockte schon nach dem zweiten Satz.
„Da Braunbären Allesfresser sind, kann ihre Losung eine Vielzahl an Formen annehmen, je nach Jahreszeit und Futterangebot. Eine Identifizierung ist dadurch nicht einfach.“
Das hier würde also länger dauern als erwartet. Mit einem Seufzen setzte ich mich auf einen Baumstumpf und begann mich durch Seiten von Kot-Beschreibungen inklusive eindrücklicher Bilder zu klicken.
Nach einer gefühlten Ewigkeit meinte ich mir genug Wissen über Bärenscheiße angeeignet zu haben und setzte meine Untersuchung fort. Diesmal nahm ich einen Stock zu Hilfe und begann eine tiefergehende Analyse mit meinem neu gewonnenen Wissen. Ich will hier nicht in zu viel Detail gehen, aber nach dieser Untersuchung fühlte ich mich schon etwas besser. Es war höchstwahrscheinlich kein Bär und wenn, dann musste er (oder sie) ernstzunehmende Verdauungsstörungen haben, was mir in einem Kampf sicher zugute kommen würde.
Ich will hier nicht zugeben, wie lange ich im Anschluss noch, umgeben von einem der schönsten und friedlichsten Wälder, in dem ich jemals war, im Licht der aufgehenden Sonne, tausendfach gespiegelt vom Tau in den Baumkronen, auf meinem Baumstumpf saß und mir Bildern von den Geschäften zahlloser Tiere ansah. Von Elchen über Kühen bis hin zu Hirschen und Wildschweinen.
Nach und nach schloss ich sie alle aus. Elchen war zu viel los in der Nähe der Siedlungen, Hirsche und Wildschweine machten offensichtlich anders und wenn sich eine Kuh nachts im Wald verlaufen hatte und an meinem Zelt vorbeigeschlichen wäre, hätte mich das doch sehr gewundert. Mit der inzwischen fast 90-prozentigen Sicherheit, dass es sich nicht um einen Bären oder zumindest um einen Bären, der selbst einen schlechten Tag hatte handelte, packte ich also meine Sachen zusammen und machte mich wieder auf den Weg.
Der Pfad wurde langsam breiter und wurde nach und nach zu einer geschotterten Waldstraße. Gerade als ich meinen Rucksack an einer Kreuzung abgelegt hatte um kurz Pause zu machen, fiel mir etwas ins Auge - eine Spur am Straßenrand, wo besonders viel Schotter lag. Es war die größte Fährte, die ich je von einem Paarhufer gesehen hatte. Keine Frage, das hier war eine Elchspur und eine ernstzunehmende dazu. Im ersten Moment war ich erleichtert, ich musste heute Abend also doch nicht mit einem Bären mit verstimmten Magen um mein Abendessen kämpfen. Im nächsten Moment stellte ich mir dasselbe Szenario mit einem motivierten Elchbullen vor und nach kurzem Abwägen schätzte ich meine Chancen dabei auch nicht viel besser ein. Also schulterte ich wieder zügig meinen Rucksack und ging mit neuem Blick durch diese Wälder und fragte mich, welche Überraschung wohl morgen Früh vor meinem Zelt auf mich warten würde…